Als Erasmus-Schule des Landes Rheinland-Pfalz unterstützt das Gymnasium im Kannenbäckerland nicht nur organisatorisch Schüler/-innen, die eine Zeit im Ausland verbringen möchten, sondern hat auch die Möglichkeit der finanziellen Unterstützung.
Lisa Chlupasch nutzte diese tolle Möglichkeit und verbrachte ein Schuljahr in Schweden. Ihr Text soll auch andere dazu motivieren, den Mut zu fassen, sich auf ein solches Abenteuer und prägende Erfahrungen einzulassen.
Hier ihr Bericht:
Hej! Mitte August 2024 bin ich von Frankfurt nach Stockholm (Schweden) geflogen, um dort ein Auslandsjahr zu machen. Für elf Monate habe ich dafür bei einer Gastfamilie in Småland (Südschweden) gelebt und ein schwedisches Gymnasium besucht.
Bevor ich dorthin gegangen bin, hatte ich angefangen, in einer App Schwedisch zu lernen. Es ist nicht sehr schwer zu lernen, weil es in einigen Punkten ähnlich zum Deutschen ist. Es gibt auch einige Wörter, die vom Deutschen stammen, wie zum Beispiel fönster (Fenster). Anfangs fiel es mir schwer, Gesprächen zu folgen, doch mit der Zeit wurde es immer besser. Mit der Zeit verstand ich fast alles, was im Unterricht gesagt wurde. Ich fing an, mich mehr auf Schwedisch zu unterhalten, vor allem mit meinem Gastvater. Ich habe oft versucht, auch mit meiner Gastfamilie Schwedisch zu reden, die meiste Zeit haben wir uns allerdings auf Englisch unterhalten. Dies hat aber auch den Vorteil, dass sich mein Englisch verbessert hat. Mittlerweile kann ich Filme auf Schwedisch schauen und verstehen, und lese auch das ein oder andere Buch auf Schwedisch, damit ich meine Schwedischkenntnisse beibehalte und verbessere.
Während meiner Zeit dort habe ich das schwedisches Gymnasium „Brinellgymnasiet“ in Nässjö besucht. Anders als in Deutschland geht die Grundschule (Grundskolan) bis zur neunten Klasse. Danach wechseln alle aufs Gymnasium, wo man dann eins von den vielen Programmen wählt, denn in Schweden gibt es, anders als in Deutschland, nicht verschiedene Schultypen. Neben Programmen wie z. B. Naturvetenskapsprogrammet (Naturwissenschaftsprogramm) gibt es auch Programme wie Frisör- och stylistprogrammet (Friseur und Stylist Programm) oder auch Hotell- och turismprogrammet (Hotel- und Touristenprogramm) und andere Programme, die wir an deutschen Schulen nicht haben.
Ich war im Estet-programm, also im Kunstprogramm. Das bedeutet, dass ich viele Stunden in der Woche Kunstunterricht hatte. Da ich in die “erste” Klasse ging, kamen zusätzlich noch Fächer wie Mathe, Naturwissenschaften und Sozialkunde dazu. Ab der zweiten Klasse spezialisiert man sich auf ein bestimmtes Fach, z. B. Kunst oder Biologie, und hat dann fast ausschließlich Unterricht in diesem Bereich. Ich hatte fast jeden Tag vier Unterrichtsstunden, donnerstags nur drei. Die Stunden waren immer unterschiedlich lang, manche nur eine halbe Stunde, andere eine Stunde oder länger. Und sie waren jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten. Wenn man Tests schreibt, schreibt man die entweder auf dem Laptop oder auf Papier, wo man mit Bleistift schreiben darf. Man bekommt sie auch nicht korrigiert zurück, sondern bekommt sie evtl. gezeigt und dann behält der Lehrer sie.
Mein Schulweg dort war deutlich länger als hier in Deutschland (und manchmal auch spannender): Er war in etwa 50 km lang und dauerte länger als eine Stunde. Vom Haus aus waren es etwa 15 Minuten zu Fuß bis zur Bushaltestelle. Dann bin ich mit dem Bus zum Bahnhof gefahren, nahm den Zug und war ca. 20 Minuten später in Nässjö. Die Schule liegt etwas außerhalb von der Stadt – zu Fuß etwa eine halbe Stunde – deshalb habe ich lieber wieder den Bus genommen.
Meine Gasteltern Leif und Carina sind Mitte 60 und sehr liebe Menschen. Sie leben auf einem großen Grundstück mitten im Wald am See, außerhalb vom Ort. Sie haben vier erwachsene Kinder, drei von ihnen leben in anderen Städten. Ihre Tochter Matilda lebt mit ihrem Freund Daniel auf demselben Grundstück. Die beiden haben zwei Kinder: Mildred ist 3 Jahre und Holger mittlerweile ein Jahr alt. Meine Gastschwester Angelina aus Lettland hat letztes Jahr ein Auslandsjahr dort gemacht und wohnte direkt im Zimmer neben mir, was sehr schön war. Mein Gastbruder Oat kommt aus Thailand und hatte gleichzeitig wie ich sein Auslandsjahr. Er hat aber in der Mitte unseres Aufenthalts die Gastfamilie gewechselt, um näher an seiner Schule zu sein. Außerdem wohnen hier ein Hund namens Laya und mehrere Katzen. Es ist also eine Großfamilie, komplett anders als ich es von zuhause kannte. Denn da lebe ich mit meiner älteren Schwester und meinen Eltern zusammen. Mit der Familie habe ich mich gut verstanden. Wir haben ab und zu immer noch Kontakt. Ich vermisse es, mich immer lange mit meinem Gastvater zu unterhalten.
Ein großer Unterschied zu Deutschland ist, auch wenn es komisch klingen mag, dass sie in Schweden seeeeehr oft Kartoffeln essen. Und das meine ich. Ich weiß noch, dass ich mehrmals in der Woche Kartoffeln gegessen habe, manchmal auch zweimal am Tag, einmal in der Schule und einmal zuhause. Eine weitere Besonderheit ist das sogenannte „Buttermesser“, ein kleines Messer aus Holz oder Plastik, das alle gemeinsam verwenden, um Butter oder andere Aufstriche zu entnehmen.
Auch in der Schule sind mir ein paar Unterschiede aufgefallen (hierbei spreche ich natürlich von meinen Erfahrungen, an anderen Gymnasien und an der Grundskolan kann es anders sein). Zum einen variierten die Stundenlängen und -zeiten täglich. Zum anderen durfte man hier sein Handy benutzen – teilweise auch im Unterricht. Eine weitere Sache, die ich gut fand, ist, dass man hier einen Laptop von der Schule bekommt. Den benutzt man dann viel im Unterricht. Außerdem ist das Mittagessen hier kostenlos. Der Sportunterricht gefiel mir in Schweden besser als in Deutschland. Man kann viele verschiedene Sportarten ausprobieren, wir haben z. B. Frisbee, Handball oder auch Volleyball gespielt. Es war auch nicht so streng wie in Deutschland. Man durfte seinen Schmuck anbehalten, und die meisten meiner Klassenkameraden hatten nie Sportkleidung dabei und konnten trotzdem mitmachen. Generell war die Schule lockerer. Man hat die Lehrer mit Vornamen angesprochen und generell siezt man die Lehrer nicht, sondern sagt immer „du“.
Bevor ich nach Schweden gekommen bin, wurde mir gesagt, dass man in Schweden fast ausschließlich bargeldlos zahlt. Das stimmt. Man hat eigentlich überall die Möglichkeit, mit Karte zu zahlen, selbst im Bus. Zudem gibt es hier Swish, eine App zum Bezahlen, wo man auch Geld an andere Leute schicken kann, und wenn man einen bestimmten QR-Code scannt, kann man damit bezahlen. Leider konnte ich diese App nicht benutzen, da man ein schwedischer Bürger sein muss.
Von anderen habe ich gehört, dass es nicht so leicht ist, während des Auslandjahres Freunde zu finden. Ich hatte da Glück: Ich bin in eine kleine Klasse gekommen – wir waren nur 7 Personen. Außerdem hatte mein Lehrer gesagt, dass sie mich mitnehmen und mir alles zeigen werden, wodurch wir sofort ins Gespräch kamen. Direkt am Samstag in meiner ersten Woche traf ich mich mit Freunden, und es gab eine typisch schwedische Fika (Kaffeepause) und danach waren wir bowlen. Manchmal sind wir nach der Schule in die Stadt gegangen und stöberten durch die Läden oder haben etwas gegessen. Ich habe auch eine Freundin kennengelernt, die deutsch sprechen kann, da sie zum Teil Österreicherin ist.
Eine typisch schwedische Tradition ist, wie oben schon erwähnt, Fika. Das habe ich mit meinen Gastgeschwistern und meinem Gastvater abends gehabt, so um acht oder neun Uhr. Da waren wir oft wieder hungrig, weil wir schon gegen 17 Uhr aßen – ich persönlich finde das etwas früh. Ich habe auch einige Sachen probiert, beispielsweise Smörgåstortan (Sandwichtorte). Es ist genau das, wonach es klingt: ein Sandwich als Kuchen. Ich habe es ein-, zweimal gegessen, und es sehr gemocht. Weitere Sachen sind zum Beispiel Semlor (Gebäck mit Mandelmasse und Schlagsahne gefüllt), Kladdkakor (klebriger Schokokuchen), Chokladbullar (Schokokugeln) und Princesstårta (Torte gefüllt mit Beerenkonftüre, Sahne, Vanillecreme und umhüllt von hellgrünen Marzipan).
Es gibt einen inoffiziellen Nationaltag, wo der Småländische Dialekt gefeiert wird. Er ist immer am ersten Donnerstag im März, und man isst da „Massipantåta“ (Marzipantorte). Und warum? Weil im Dialekt immer das „r“ in der Mitte eines Wortes verschluckt wird. Und „erster Donnerstag im März“ auf Schwedisch heißt „Första Torsdagen i mars“. Hier kann man gut den Dialekt erkennen, denn das spricht man „fössta tosdagen i mass“ aus.
Direkt zu Beginn des Auslandsjahres war ich auf einem Musikfestival. Das war cool, wir haben einige schwedische Künstler gesehen, zum Beispiel Veronica Maggio. Sie ist in Schweden bekannt. Kurz nach Weihnachten habe ich mit anderen Austauschschülern zusammen einen Trip nach Dänemark unternommen. Mit meinem Gastvater und meinem Gastbruder war ich oft wandern. Es gibt viel schöne Natur in Schweden, deshalb macht mir das Wandern dort Spaß. Zu Weihnachten habe ich von meinem Gastbruder Karten für ein Eishockeyspiel bekommen. Das Spiel war sehr cool und eine tolle Erfahrung, die man meiner Meinung nach einmal mindestens gemacht haben sollte. Ich war in den Ferien mit meinen Gasteltern und anderen Austauschschülern in Stockholm, wo wir unter anderem das ABBA-Museum besuchten. Anfang März war ich beim Melodifestival. Dort wird jedes Jahr entschieden, wer beim ESC Schweden vertritt, was hier sehr beliebt ist.
Am See, neben dem ich gewohnt habe, steht eine Sauna. Die haben wir ein paarmal benutzt, danach sind wir in den See schwimmen gegangen. Im Winter wurde es dort sehr früh dunkel – früher und länger als in Deutschland. Für eine Zeit lang brauchte ich auch eine Taschenlampe, weil auf dem Weg keine Straßenlaterne stand und ich in kompletter Dunkelheit heimlaufen musste. Je nachdem, wie weit man im Norden ist, liegt dann sehr lange auch viel Schnee. Dieses Jahr war es nicht so viel und lange wie im Jahr davor, für mich war es aber trotzdem viel, weil es mehr war, als ich es gewohnt bin. Der See war auch eine Zeit lang so gefroren, dass man drauf gehen konnte. Das passiert selten. Wir sind dann darauf Schlittschuh gelaufen und auch Squad gefahren. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht.
In Schweden wird am 13. Dezember das Luciafest gefeiert. Dort wird an die Lucia von Syrakus gedacht. Der Legende nach hat sie Christen Essen gebracht, die sich in römischen Katakomben verstecken. Um Licht zu haben, aber auch die Hände frei, hat sie sich einen Kranz mit Kerzen auf den Kopf gesetzt. Heute wird überall in Schweden an sie erinnert. Beim Luciazug zieht Lucia in Kirchen und andere Plätze ein. Ihr folgen Mädchen mit weißem Gewand und einer Kerze und Jungs verkleidet als „Sternenknaben“, dann werden Lieder gesungen.
Wir Austauschschüler haben unseren eigenen Luciazug gemacht. Dafür haben wir natürlich die Lieder geübt und da die Mädchen alle einen Kranz tragen, haben wir welche selber gemacht. Vor und nach dem Zug hatten wir Fika, das ist ja die schwedische Kaffeepause. Dabei gab es Lucia Buller (Lucia Brötchen), dann sind wir in die Kirche eingezogen und haben gesungen. Wir haben auch „Stilla Natt“, also „Stille Nacht“ gesungen, jeder eine Strophe in der eigenen Sprache. Es war sehr schön, sowas mal erleben zu können. Mir hat es viel Spaß gemacht.
Fazit:
Generell kann ich es sehr empfehlen, ein Jahr im Ausland zu verbringen, selbst wenn es nicht in Schweden ist (obwohl ich es jedem empfehle würde). Wenn man offen ist und Spaß daran hat, neue Sachen auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln, dann ist ein Auslandsjahr die richtige Wahl.